31.10.2018

Bezahlbares Wohnen – Showveranstaltung oder ernstgemeinter Wohngipfel?

Bezahlbares Wohnen – Showveranstaltung oder ernstgemeinter „Wohngipfel“?

Wenn eine erfolgreiche Wohnungssuche vor zwei oder drei Jahrzehnten noch als spaßiges Anhängsel eines Wochenendeinkaufzettels notiert wurde, hat die Suche nach einer neuen Bleibe heute den Stellenwert der Hoffnung auf einen fünfstelligen Lottogewinn. -

Eine Wohnungsbesichtigung ist zu einem Live-Erlebnis mutiert, das sich kaum in Worte fassen lässt. Es ist kaum glauben, was aus dieser unspektakulären Wochenendnotiz vergangener Tage geworden ist. Man will doch einfach nur zu einem verabredeten Termin eine Wohnung besichtigen und findet sich binnen kurzer Zeit in einem Gewühl von aufgeregten Menschen wieder, der einem karnevalsähnlichen Straßenfest gleicht. Mietwahnsinn im 21. Jahrhundert. Mitten im angeblich sozial sortierten Europa. Noch konkreter ausgedrückt, mitten in Deutschland. Der Staus Quo ist beschämend. –

Seit 2008 wohnt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Okay, das trifft nicht nur Deutschland allein, aber es ist unumstößliche Realität. Die Folgen der Landflucht beschert Deutschland einen weltweit überdurchschnittlichen und sogenannten „Verstädterungsgrad“. Erstmals seit der Nachkriegszeit ist Deutschland wieder von akuter Wohnungsnot bedroht. Und es trifft wieder die, die am wenigsten haben und teure Mieten nicht bezahlen können.

Wie kaum zu einem anderen Thema passt daher der Name „Otto-Normalverbraucher“ wie die Faust aufs Auge. Denn genau der ist es, der die horrenden Mieten in den Städten und Ballungsräumen nicht mehr stemmen kann. Es ist die Mitte unserer Gesellschaft. Wenn 40% des Einkommens auf die Miete entfallen, ist eine Schräglage im Wohnungsbau nicht mehr wegzudiskutieren. Eine bezahlbare Wohnung in der Stadt? Es war einmal! Knapp 55 Prozent der Deutschen wohnen zur Miete. Vor allem in den Großstädten und Ballungsräumen explodieren die Mieten ins Uferlose. Aus dem Grund wurde 2015 die Mietpreisbremse eingeführt. In der Hoffnung, den Mietwahnsinn zu stoppen. Nachdem diese Idee kaum, bis gar keine Früchte trägt, hat die neue Regierung eine Verschärfung der Mietpreisbremse beschlossen. Demnach wurde der Betrachtungszeitraum für den Mietspiegel von 4 auf 6 Jahre verlängert. In der Hoffnung, dass die Vergleichsmieten langsamer steigen. Aber auch dazu gehen die Meinungen auseinander. Die einen empfinden sie überflüssig, die andern als nicht weitreichend genug.

Parallel zu diesem politischen Wirrwarr reift die allgemeine Erkenntnis, dass mehr Wohnungen für weniger Miete gebaut werden müssen. Also der verschlafene Soziale Wohnungsbau wieder an den Start kommt. Und jetzt, wo die Wohnungsnot und das Renovieren von Altbauwohnungen zu unbezahlbaren Luxustempeln feuriges Wahlkampfthema geworden ist, lädt die Kanzlerin zu einem Wohngipfel von Politik und Wirtschaft ein und erklärt die Wohnungsnot „plötzlich“ zur wichtigsten sozialen Frage. Nach sage und schreibe zweieinhalb Stunden Wohngipfel war das Maßnahmenpaket für einen bezahlbaren Wohnungsmarkt mit folgenden Eckpunkten geschnürt:

-Baukindergeld für Familien

-Steuervergünstigungen für den Bau von Mietwohnungen

-Förderung des sozialen Wohnungsbaus mit Bundesmitteln (auch langfristig)

-Erschwerung der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in sogenannten „Milieuschutzgebieten“

-Bauland soll für Kommunen erschwinglicher werden

Dass dem Sozialverband VDK die Maßnahmen explizit im Bereich Neu- und Umbauten für Senioren nicht reichen verwundert nicht. Seine Präsidentin Verena Bentele vermisst zudem einen verbesserten Mieterschutz. Das von der Regierung angesagte „Klotzen“ statt „Kleckern“ will also zukünftig genau beobachtet werden.

Thomas Straub / valvero Sachwerte GmbH, Berlin



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